Sonntag, 22. April 2012

Kraftplatzsuche

Mein Rucksack ist geschnürt und der Wind weht mir lose Haare aus meinem Zopf ins Gesicht. Der schmale abschüssige Pfad hinunter ins Tal zum Wald ist gesäumt von Weißdorn und alten knorrigen Bäumen. Das Licht fällt zauberhaft durch die Blätter und Äste und wärmt meine vom Winter noch weiße Haut.
Es duftet nach Frühling und den Blüten des Schwarzdorns an denen ich entlang gehe.
Es geht ein wenig bergauf und wieder bergab bis ich mein Ziel erreiche und in den Wald eintrete. Eigentlich bin ich auf der Suche nach einem Kraftort. Jedoch erinnere ich mich auch an einen wunderschönen alten Baum hier in diesem Wald den ich zuletzt vorletztes Jahr besucht habe. Also versuche ich mich an den Weg zu erinnern. Das Wetter ist wechselhaft wie man es im April gewöhnt ist. Doch zumindest beleibt es trocken und immer wieder reißt der Himmel auf uns schenkt mir Sonnenstrahlen.
Nach einer Weile liegt vor mir auf dem Weg ein wunderschöner größerer Ast an dem kleine Zapfen hängen, wie ein Geschenk liegt er da. Ich hebe ihn auf, möchte ihn mitnehmen zu dem alten Baum und dortlassen, als kleines Wiedersehengeschenk. Der Weg zieht sich etwas, mir fallen zu meiner Linken und Rechten viele Baumleichen auf. Ich mag den Anblick von abgeholztem Wald nicht, es stimmt mich etwas traurig. Böses schwand mir, irgendwie habe ich ein ungutes Gefühl. Wie weit ist es denn noch? Bin ich richtig abgebogen oder habe ich mich schon verlaufen?
Der Weg führt noch ein wenig steil nach oben und macht eine Kurve. Dahinter ist er, der Platz den ich suche. Doch was muss ich sehen? Von dem einst so mächtigen großen Baum ist nicht viel geblieben. In einem Szenario der Verwüstung, zwischen tiefen Spuren & Rillen von Baufahrzeugen ragt der abgeschlagene Baumstumpf hervor. Der große Moosbedeckte Wurzelteller liegt kahl und traurig da. Zwei bis drei Meter dahinter liegt der riesige Stamm, in 2 Teile zersägt. Traurigkeit übermannt mich, meine Augen füllen sich mit Tränen. Wieso?
Es kann noch nicht sehr lange her sein, die Sägespäne liegt durchnässt um den Stamm herum und an den Schnittstellen der liegenden Stammteile haben sich noch keine Pilze, Moose oder andere neue Mieter gebildet.
Ich setze mich ein wenig zum alten Stumpf, lege meine Hände auf und spüre nach, doch es scheint alles tot.
Traurig lege ich den Ast den ich mitgebracht habe ab. Nun scheint er mir eher wie Grabschmuck. Mir ist schwindelig als ich meinen Weg fortsetze. So schön hatte die Wanderung begonnen, so traurig soll sie enden?
Ein wenig weiter des Weges entschließe ich mich einen steilen Hang hinaufzuklettern. Stattliche Bäume wachsen dort. Nach einigen Metern finde ich einen einladenen Baum an dessen Wurzeln ich mich ins feuchte Moos setze, den Rücken an den Stamm gelehnt. Der Baum hält mich und schützt mich davor den Hang hinab zu fallen. Ich atme ein paar mal tief ein und aus und verbinde mich mit dem Baum & dem Ort.
Vor meinem inneren Auge erscheint ein großer Drache, der Geist des Ortes. Felsen und Steine sind uralt, Wälder sind alt, dieser Ort ist alt. Bäume wachsen und sterben. Alte Bäume mögen irgendwann gehen, aber neue entstehen, dieser Wald ist voller Leben.
Ich lege meine Hände auf den feuchten kalten Waldboden neben mir und lasse grünweißes Licht hindurch in die Erde fließen. Nach einer Weile kehre ich zurück in mein Alltagsbewußtsein. Ich verabschiede mich und trete meinen Rückweg an.
Nach einer Weile wird meine Aufmerksamkeit von einer Gruppe dreier Buchen angezogen. Hier finden sich also noch weitere alte Bäume die sich meinem Blick bisher entzogen hatten. Ich beschließe ein andermal an diesen Ort zurückzukehren und Kontakt zu diesen schönen Wesen aufzunehmen.
Auf dem letzten Stück meines Rückweges kehrt die Sonne zurück. Mir ist warm. Zwischen den knorrigen Weißdornsträuchern blicke ich auf eine Herde Schafe. Ein bisschen wie in Irland, denke ich mir.

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