Montag, 26. August 2013

{Buchrezension} Storl - Wandernde Pflanzen


Die Welt ist im Wandel. Ich fühle es im Wasser. Ich fühle es in der Erde. Ich rieche es in der Luft. (J.R.R. Tolkien, Herr der Ringe)

Das drüsige Springkraut, welches wir so hübsch anzusehen auf dem Cover des Buches "Wandernde Pflanzen" von Wolf Dieter Storl sehen, habe ich erst kennengelernt als es mich in die hiesige Ecke des Ruhrgebiets verschlug. In der Nähe der Ruhr, an Waldrändern, Bachläufen, überall wächst diese riesige Pflanze mit ihren pinken Blüten, den lustig springenden Samenkapseln und dem schweren nicht von allen gemochten süßlichen Duft den sie verbreitet. Was mir schon damals auffiel - von Jahr zu Jahr vermehrt sich das Springkraut und nimmt stellenweise ganze Landabschnitte ein. Das es sich um einen Neophyten handeln muss besagen schon seine Namen "Himalaya Balsam" oder "indisches Springkraut".

Ehrlich gesagt habe ich mich nicht um dieses Buch gerissen. Was es mit Neophyten auf sich hat und was für Wellen dieses Thema in der Welt schlägt wusste ich nicht. Wolf Dieter Storl hatte auf seinem Vortrag den ich besuchte erwähnt, dass er gerade an einem Buch über die "fremden Einwanderer", die Sogenannten Neophyten schreibe. Damals fasste ich den Entschluss es zu lesen wenn es auf den Markt kommt. Das es sich als derart interessant und spannend herausstellen würde, hatte ich aber nicht vermutet.

Storls Buch ist ein Aufruf zum nachdenken, umdenken, anders denken. Er beschäftigt sich mit der Tatsache das in vielen Ländern der Welt Krieg geführt wird gegen "ausländische Pflanzen", Pflanzen die nach Meinung dortiger Biologen, Ökologen, Naturschützer und natürlich Pflanzenschutzmittelentwickler nicht in das dortige Gebiet gehören. Pflanzen die sehr vital sind, sich rasend schnell ausbreiten und kaum auszurotten sind. Angeblich bedrohen sie die einheimliche Flora und Fauna.
Ein bekanntes Beispiel für unsere Breitengrade ist der riesen Bärenklau. Immer wieder liest man in der Zeitung, hört in Radio oder TV von der Bedrohung durch die aus dem Kaukasus stammende Pflanze. Sie breitet sich ohne Einschüchterung immer weiter aus, habe keinerlei Nutzen und stelle eine große Gefahr für den Menschen dar. Es gibt regelrechte "Vernichtungstrupps" und Bürgerinstativen die zu bestimmten Terminen losziehen um dem bösen Neophyten den Gar auszumachen. Doch wer hätte gedacht das sich der riesen Bärenklau eine vorzügliche Bienenweide ist und Futter für allerhand wichtige schützenswerte Insekten bietet? Das er einst hoch geachtet war und man ihn stolz in seinen Garten pflanzte um ihn zu bewundern, oder gar das Teile des Bärenklaus sehr schmackhaft und essbar sind? 

Storl erzählt uns von vielen Neophyten, ihren Heilkräften und Fähigkeiten. Diese Kapitel nehmen einen Großteil des Buches ein. Für mich waren diese Abschnitte sehr interessant, da viele Pflanzen behandelt werden die ich zwar vom Sehen her kenne, über die in den meisten Kräuter- und Heilpflanzenbüchern aber nicht die Rede ist. Fast jeden Tag habe ich auf meinem Weg zum Strand, auf meinen Spaziergängen und Radtouren neue Pflanzen entdeckt von denen ich am Tag zuvor gelesen hatte.

Beim lesen merke ich, Storl wirft viele Fragen an den Leser auf. Sind Neophyten wirklich böse? Warum sehen wir manche Pflanzen als Einheimisch an und dulden sie, obwohl es Neophyten sind (zum Beispiel Kartoffeln, Tomaten, alle südländischen Kräuter wie Lavendel, Thymian etc.) und anderen erklären wir den Krieg? Wie sah unsere Welt aus, vor Jahrmillionen, vor Jahrtausenden, Jahrhunderten? Storl sagt viele Pflanzen haben wir in unserem Herzen, sie gehören zu unserer Kultur. Wir kennen sie aus Märchen, Sagen, Liedern, Volkstum. Kinder essen Gänseblümchen, ziehen ihre Blütenblättchen zum Orakel "Er liebt mich, er liebt mich nicht", basteln Haarkränze und tanzen Ringelreigen. 
Zu vielen kulturfremden Pflanzen haben wir keine Verbindung. Doch wir können sie kennenlernen und ihnen eine Bedeutung geben. Sie in unsere Kultur aufnehmen.

Die Welt ist im ständigen Wandel, Eiszeiten kommen und gehen. Pflanzen werden verdrängt, in andere Gebiete getrieben, kehren zurück. Viele Neophyten waren vor hundertden oder tausenden Jahren hier einheimisch, haben sich aber auf Grund der Klimaveränderungen zurückziehen müssen. Storl nennt diese Pflanzen "Spätheimkehrer". 
Doch der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Er hätte gerne "alles so wie es schon immer war", wenn die Natur sich wandelt, die Landschaft sich verändert, fühlt er sich bedroht. Denn er möchte kontrollieren.
Auch interessant ist zu beobachten, dass viele Neophyten schon vor einigen Generationen in fremde Länder gebracht wurden (die meisten Neophyten hat der Mensch selbst von einem Land ins andere gebracht), aber nie zu einem Problem wurden. Erst nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten verbreiteten sie sich sehr plötzlich sehr flächendeckend und wurden als Bedrohung angesehen. 
Warum wachsen Pflanzen an welchen Stellen? Hat unser Planet, Mutter Erde, Gaia eine Intelligenz? Ist es vielleicht kein Zufall das bestimmte Pflanzen an bestimmten Orten in großer Menge wachsen? Was möchte Mutter Natur uns damit sagen? Was ist aus Neophyten geworden die vor einigen Jahrzehnten oder Jahrunderten als extreme Bedrohung angesehen wurden? 

In Storls Buch können wir nachlesen das viele Neophyten sich besonders wohl fühlen an stark industriell beeinflussten Orten, wo karge Böden, Sand und Schutt oder gar Giftbelastungen im Boden anderen Pflanzen keine Lebenschance bieten. Ist das "Problem" mit einigen Neophytenarten wohl hausgemacht?
Was für Interessen verfolgen große Konzerne wie Bayer oder Monsanto die sogar Bekämpfungsbücher gegen Neophyten sponsern und dazu aufrufen mit Feuerwerfern, Spitzhacken und natürlich exakt abgestimmter Pflanzenvernichtungschemie auf die Jadg zu gehen?
Gibt es soziologische oder politische Umstände und Gründe für den Hass auf Neophyten?

Das Buch "Wandernde Pflanzen" regt zum nachdenken an. Es bietet eine neutrale, offene Herangehenweise an ungeliebte Pflanzenkinder. Alle Pflanzen sind die grünen Kinder von Mutter Erde, wir sollten sie alle mit Respekt behandeln.

 

Kommentare:

  1. entlarvend ist natürlich obendrei, daß auch viele "angestammte", zu unserem kulturkreis gehörige pflanzen als böse gestempelt und verfolgt / ausgerottet werden. kann gar nicht mehr zählen, an wie vielen zertretenen fliegenpilzen und rausgerissenen herbstzeitlosen ich schon vorbeigekommen bin. und an wie wenigen bilsenkräutern und tollkischen...

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    1. Das meiste davon wächst hier wild gar nicht... Wenn dann ist es so versteckt das die paar Exemplare zum Glück unversehrt sind.
      Da sieht man mal wieder wie wichtig richtige Aufklärung ist, damit niemand auf die Idee kommt vermeintlich böse Pflanzen mutwillig zu zerstören.

      Liebe Grüße,
      Karmi

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  2. Das klingt sehr interessant....! :)

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    1. Auf jeden Fall :) Ich habs bisher nur ausgeliehen aus der Bib, aber evtl. kauf ich es irgendwann noch nach als Nachschlagewerk.

      LG
      Karmi

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  3. Aus dieser Sicht habe ich das ganze eindeutig noch nicht betrachtet, interessant, vor allem die Sache mit der Boreliose und der Karde.
    Da ich Gärtnerin bin und im Verkauf arbeite habe ich ständig mit dem Thema Neophyten zu tun. Aus unserer und auch aus meiner Sicht ist die Erhaltung der Einheimischen Flora sehr wichtig und macht die Welt, die wir kennen oder kannten aus. Doch es stimmt, diese Welt ist im Wandel... ich glaube, ich muss dieses Buch lesen.

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    1. Es wäre bestimmt eine Bereicherung oder zumindest eine "Horizonterweiterung" im weitesten Sinne :). Gerade wenn man beruflich damit zu tun hat. Man denkt ja auch in bestimmten Bahnen weil man sich an vorherrschenden Meinungen anderer Experten orientiert. Ich habe bis zur Lektüre dieses Buches auch immer gedacht Neophyten wären nichts Gutes. Aber jetzt frag ich mich doch, was genau ist denn zum Beispiel einheimische Flora? Wodurch zeichnet sie sich aus, wie alt muss/darf sie sein um als einheimisch zu gelten? So Fragen hab ich mir vorher gar nicht gestellt.

      Liebe Grüße,
      Karmi

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  4. Danke für die Rezension. Das klingt wirklich sehr spannend! Ich habe von Storl bisher nur das Borreliose Buch gelesen und fand das schon sehr umfangreich und tiefgehend.

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  5. Ich glaube ganz schlicht und einfach dass Pflanzen häufig dort wachsen, wo sie "gebraucht" werden. Was ihre Eigenschaften als Heilpflanzen ect. angeht. Also wo Du viel chemische Belastung hast, dort wird vermutlich einiges wachsen, das entgiftet usw....
    Von daher brauchen wir uns auch nicht zu wundern, wenn sich hier und dort was ausbreitet.

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